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Regulation und Selbstregulation – der besondere Beitrag der Sensorischen Integration

Aktualisiert: 22. Nov.


Warum ohne sensorische Ordnung keine emotionale Balance entstehen kann

„Man kann Verhalten nicht regulieren, wenn das Nervensystem noch damit beschäftigt ist, Reize zu sortieren.“ Dieser Satz beschreibt auf den Punkt, was Dr. A. Jean Ayres bereits vor mehr als 50 Jahren erforscht hat: dass jedes Verhalten – ob ruhig, konzentriert oder impulsiv – seinen Ursprung in der Organisation von Sinnesinformationen hat.


Heute sprechen viele Fachrichtungen von Regulation und Selbstregulation. Aus der Perspektive von Ayres' Sensorischer Integration bekommt dieser Begriff eine tiefere, neurophysiologische Bedeutung.



Was bedeutet Regulation?


In der Psychologie versteht man unter Regulation die Fähigkeit eines Organismus, innere Zustände aktiv zu steuern und an äußere Anforderungen anzupassen (Gross, 1998; Baumeister & Vohs, 2007).


Sie umfasst vier miteinander verbundene Ebenen:

  1. Physiologische Regulation – die Steuerung körperlicher Grundfunktionen wie Schlaf, Hunger, Atmung, Bewegung, Verdauung und Aktivierungsniveau.

  2. Emotionale Regulation – das Wahrnehmen, Einordnen und Ausdrücken von Gefühlen, ohne von ihnen überflutet zu werden.

  3. Kognitive Regulation – die Fähigkeit, Aufmerksamkeit zu lenken, Handlungen zu planen, Impulse zu hemmen und Verhalten flexibel an Situationen anzupassen.

  4. Soziale Regulation – das Einhalten sozialer Regeln, das Einfühlen in andere und das Gestalten von Beziehungen im Gleichgewicht zwischen Nähe und Distanz.


Kopf im Profil mit buntem Gehirn, strahlt Regulation und Ausgeglichenheit aus
Geordnete Verarbeitungsprozesse als Basis für Regulation und Ausgeglichenheit

Kein Zustand, sondern ein dynamischer Prozess

Ein regulierter Mensch kann …

  • Stressoren erkennen und darauf angemessen reagieren,

  • zwischen Aktivierung und Ruhe pendeln,

  • Emotionen ausdrücken, ohne von ihnen überflutet zu werden,

  • Verhalten flexibel an Situationen anpassen.


Regulation ist also kein Zustand, sondern ein dynamischer Prozess - ein ständiges Ausgleichen zwischen innerer und äußerer Welt.



Wie Regulation entsteht – Reifung trifft Beziehung


In der Kinderpsychologie wird Regulation häufig als Reifungsprozess des Nervensystems beschrieben. Diese Sichtweise betont, dass mit zunehmender neurologischer Entwicklung die Fähigkeit wächst, innere Zustände selbst zu steuern.


Aus Sicht von Ayres' Sensorischer Integration greift diese Erklärung jedoch zu kurz. Regulation entwickelt sich nicht allein durch Reifung, sondern in Interaktion mit der Umwelt – insbesondere durch wiederholte, körperlich und emotional stimmige Erfahrungen mit Bezugspersonen.

Jede gelungene Co-Regulation – also jedes „Getragenwerden, Getröstetwerden, Mit-Rhythmus-Gehen“ – formt im Gehirn Verschaltungen, die später Selbstregulation ermöglichen. Das bedeutet:

  • Regulation ist beziehungsbasiert (sie entsteht im Kontakt).

  • Sie ist erfahrungsabhängig (sie lernt durch Wiederholung).

  • Und sie ist sensorisch vermittelt (sie braucht Körper, Rhythmus, Berührung, Bewegung).


Mit anderen Worten: Reifung ist die Voraussetzung, Beziehung und Erfahrung sind aber die Bedingungen für Regulation. Erst das Zusammenspiel von Nervensystem und Umwelt macht aus dem biologischem Potenzial eine tatsächliche Fähigkeit.



Von der Co-Regulation zur Selbstregulation


In der Entwicklung zeigt sich die Regulation zunächst über den Körper (physiologisch) und wird mit der Reifung des Nervensystems zunehmend emotional, kognitiv und sozial vermittelt. Ein Säugling reguliert über Rhythmus und Berührung, ein Kleinkind durch gemeinsame Routinen und Nachahmung, ein Schulkind bereits durch innere Strategien wie Denken, Selbstgespräche oder Rückzug.


So entsteht mit wachsender sensorischer und neuronaler Reife aus Co-Regulation allmählich Selbstregulation – ein Prozess, der alle vier Ebenen umfasst und im Kern auf der sensorischen Organisation des Nervensystems aufbaut.


Entwicklungsstufen:

  • 0 – 2 Jahre: Co-Regulation – Berührung, Rhythmus, Stimme, Körperkontakt der Bezugsperson.

  • 2 – 5 Jahre: Geteilte Regulation – das Kind übernimmt erste Strategien („Ich hol mir die Kuscheldecke“).

  • ab Schulalter: Zunehmende Selbstregulation – Reize, Emotionen und Aufmerksamkeit können selbst gesteuert werden.


Regulationsprobleme 

können sich zeigen durch:

  • Ausbrüche bzw. Wutanfälle

  • Rückzug

  • Übererregung

  • Konzentrationsprobleme

  • extremes Such- oder Vermeidungsverhalten gegenüber Sinnesreizen

  • Schwierigkeiten mit Übergängen.



Regulation aus der ASI Perspektive


In der Sensorischen Integration nach Ayres wird Regulation neurophysiologisch verstanden: als die Fähigkeit des Nervensystems, Sinnesreize zu registrieren und modulieren, um einen stabilen Aktivitätszustand herzustellen (Ayres, 1972).


Regulation ist das innere Gleichgewicht des Nervensystems.


Nur wenn Sinnesinformationen …

  • richtig registriert werden (weder zu stark noch zu wenig wahrgenommen) und

  • gut moduliert werden (sodass Reize das Gehirn nicht bombardieren und überfluten), kann das Gehirn eine angemessene, anpassende Reaktion erzeugen.


Gelingt das nicht, entsteht eine sensorische Modulationsstörung - heute oft als Regulationsstörung bezeichnet.



Vergleich von Regulation und Selbstregulation

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