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Propriozeption stärken – Reizüberflutung vorbeugen

Aktualisiert: 22. Nov. 2025

Viele Eltern und Pädagog:innen kennen die Situation: Ein Kind wirkt am Vormittag im Kindergarten noch recht ausgeglichen, reagiert auf kleine Schübse oder Berührungen angemessen – und plötzlich, scheinbar ohne Vorwarnung, kommt es zum Ausbruch. Das berühmte „Fass läuft über“: Ein Schubsen zu viel, ein Geräusch zu laut, eine Berührung zu unerwartet, und das Kind schlägt zu oder bricht in Tränen aus. Was steckt hinter dieser Dynamik?


Ein Schlüssel dazu liegt in einem Sinn, der im Alltag oft übersehen wird: der Propriozeption – unserem Muskelsinn.



Propriozeption als regulierender Sinn

A. Jean Ayres, die Begründerin der Sensorischen Integrationstherapie, bezeichnete die Propriozeption als einen „organisierenden“ oder „regulierenden Sinn“. Dieser Sinn liefert dem Gehirn Informationen aus Muskeln und Gelenken: Wo befindet sich mein Körper im Raum? Wie stark ist eine Bewegung? Wie viel Kraft setze ich gerade ein?


Dr Ayres erkannte schon früh, dass propriozeptive Signale eine Filter- und Steuerungsfunktion haben. Sie helfen, die Vielzahl an Reizen aus der Umwelt zu ordnen und mit inneren Körperrückmeldungen abzugleichen. Damit schaffen sie eine Grundlage für Aufmerksamkeit, Anpassung und Selbstregulation.


Neuere neurobiologische Studien stützen diese Sicht. Forschung zu den neuralen Grundlagen von Ayres' Sensorischer Integration zeigt, dass propriozeptive Signale direkt mit Netzwerken verbunden sind, die Erregung, Aufmerksamkeit und Emotionsregulation steuern. Kinder mit eingeschränkter Propriozeption zeigen häufiger Schwierigkeiten in der Emotionskontrolle und sozialen Anpassung. Propriozeption ist also weit mehr als ein „Bewegungssinn“ – sie wirkt tief in unsere Selbstorganisation hinein.


Mädchen klettert auf riesigen Reifen
Viel propriozeptiver Input beim Klettern

Wenn der regulierende Einfluss fehlt

Was geschieht, wenn propriozeptive Rückmeldungen im Gehirn nur schwach ankommen?

Bei einer propriozeptiven Unterempfindlichkeit fehlt dem Nervensystem ein Teil der internen Steuerung. Vergleichbar mit einer „Schwerhörigkeit“ für Körpersignale ist das Gehirn weniger geerdet, weniger gehemmt. Die natürliche Hemmung, die sonst hilft, störende Reize abzufangen, setzt nicht ausreichend ein.

Die Folge:

  • Die Reizschwelle sinkt. Geräusche, Licht, Berührungen oder Bewegungen treffen das Gehirn ungefiltert.

  • Reize wirken intensiver und können schneller als belastend erlebt werden.

  • Das Nervensystem gerät in Alarmbereitschaft, auch wenn die Reize objektiv nicht stark sind.

Besonders relevant ist die kumulative Wirkung von Sinnesreizen: Ein Kind kann zehn kleine, flüchtige Berührungen am Vormittag vielleicht noch - gemessen am sichtbaren Verhalten - gut wegstecken. Doch im Gehirn summieren sich die Signale. Das Gehirn wird schrittweise immer stärker erregt und alarmiert, wodurch auch die Neuronen immer empfindlicher werden. Schließlich bringt die elfte Berührung „das Fass zum Überlaufen“. Von außen wirkt die Reaktion unverhältnismäßig – von innen ist es die logische Folge einer schrittweisen Überflutung.



Drei alltagstaugliche Aktivitäten zur Anregung der Propriozeption

Die gute Nachricht: Propriozeptive Signale lassen sich bewusst stärken. Kraftvolle Bewegungen gegen Widerstand geben dem Nervensystem genau den Input, den es zur Regulation braucht. Drei einfache, aber hochwirksame Aktivitäten sind:


1. Trampolinspringen

Schon 5–10 Minuten, dreimal täglich, liefern intensive propriozeptive und zusätzlich auch noch rhythmische vestibuläre Reize. Das Springen wirkt nicht nur regulierend auf das Nervensystem, sondern stärkt auch Muskeln und Gelenke und verbessert so nebenbei die Fitness.


2. Hängen und Ziehen

Ein Türreck in der Wohnung, z.B. an der Tür zum Abstellraum, ermöglicht Hängen oder „Baumeln“ oder kraftvolle Klimmzüge. Das eigene Gewicht zu tragen aktiviert Muskeln und Gelenke, was eine verstärkte propriozeptive Rückmeldung bewirkt.


3. Übungen für Büro und Schule

Auch am Schreibtisch lässt sich Propriozeption fördern: Beim „Stuhlaufstütz“ stützt du dich mit beiden Händen vorne an den Seitenkanten der Sitzfläche ab und stemmst dich hoch, sodass der Po die Sitzfläche und die Füße den Boden verlassen. Kräftiges Ziehen mit einem Theraband oder – ganz nebenbei – Kaugummikauen bringen ebenfalls verstärkte Propriozeption ins Gehirn. Achtung: 2-3 Stück zuckerfreier Kaugummi (da fester) brauchst du mindestens, damit deine Kiefer genügend Widerstand haben, um kraftvoll arbeiten zu müssen. Kaugummi kauen ist eine diskrete, aber effektive Form der propriozeptiven Stimulation über die Kaumuskulatur, die nachgewiesenermaßen die Leistungsfähigkeit steigert.


Warum ein aktiver Lebensstil entscheidend ist

Ich erzähle dir da nichts Neues, aber aus einer neuen Perspektive: Ein bewegungsreicher Alltag liefert deinem Gehirn automatisch propriozeptive Rückmeldungen, die es braucht, um reguliert und organisiert zu bleiben. Also: Stiegensteigen und Fahrrad fahren sind deine Freunde! Welche Benefits hast du davon:

  • Bewegung unterstützt die neuronale Plastizität – das Nervensystem bleibt "beweglich" und kann Signale effizienter verarbeiten.

  • Ein aktiver Lebensstil schafft Balance zwischen Erregung und Beruhigung.

  • Kleine Bewegungspausen über den Tag verteilt verhindern, dass Reize sich unbemerkt ansammeln und schließlich zur Überlastung führen.

So wird klar: Wenn du dein Gehirn gut mit propriozeptiver "Nahrung" versorgst, beugst du damit nicht nur Reizüberflutung vor, sondern legst die Basis für Aufmerksamkeit, emotionale Stabilität und Freude an Bewegung.


LINK ZUM PODCAST: Mehr über die Rolle der Propriozeption erfährst du in unserer SiNN-VOLL Podcast-Folge Nr. 4 – hör gern rein, wenn du tiefer einsteigen möchtest!

 
 
 

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