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ADHS und sensorische Integrationsstörungen: Ein neuer Blickwinkel

Aktualisiert: vor 6 Tagen

1986: ADHS, Ritalin und sensorische Tests


Die Ergotherapeutin Judith Kimball untersuchte in ihrer Studie 17 Buben, die zuvor ärztlich mit ADHS diagnostiziert und in gute oder schlechte Responder auf Methylphenidat (Ritalin) eingeteilt worden waren. Die Kinder wurden im "Off-Drug"-Zustand mit Tests zu sensorisch-integrativen Funktionen nach Ayres untersucht – darunter vestibuläre Tests, Balance und taktile Perzeption.


Die Studie brachte zwei interessante Ergebnisse, die wegweisend sein hätten können:

  1. Die Hälfte der ADHS-Kinder waren gute Ritalin-Responder.

  2. Es zeigten sich zwei sensorische Muster, die sich klar den guten und schlechten Respondern zuordnen ließen.


Eine sensorische Testung – bevor Ritalin verschrieben wird – könnte also zeigen, wer gut auf das Medikament ansprechen wird und wer nicht. Kennst du eine Klinik oder Praxis, wo das so gehandhabt wird?


Zwei Typen von Hyperaktivität aufgrund unterschiedlicher vestibulärer Verarbeitung


Kimballs Studie legte nahe, dass es mindestens zwei neurophysiologische Typen von "hyperaktiven" Kindern gibt:

  1. Untererregte Kinder mit vestibulärer Unterempfindlichkeit, die gut auf Ritalin ansprechen.

  2. Kinder mit gestörter kortikaler Inhibition, die nicht von Ritalin profitieren und andere Ursachen für ihr Verhalten aufweisen. Sie zeigten in der Studie einen verlängerten Nystagmus, schlechtere Balance und schlechtere taktile Zweipunktdiskrimination.


Der Zusammenhang zwischen sensorischen Modulationsstörungen mit Aufmerksamkeitsstörungen, Erregbarkeit und Impulsivität ist in der ASI-Theorie seit vielen Jahren bekannt. Ein klares Verständnis der Beziehung zwischen Störungen der sensorischen Modulation und ADHS hat sich jedoch als schwer fassbar erwiesen.


Besonders spannend: Kimball argumentiert, dass die guten Ritalin-Responder genau die Kinder sind, die auch von ASI-Therapie profitieren – mit dem Unterschied, dass diese Therapie spielerisch, kindzentriert und nebenwirkungsfrei ist. Oder vielmehr: zahlreiche positive "Nebenwirkungen" hat! Denn dass vestibulär unterempfindliche Kinder – das sensorische Muster der guten Ritalin-Responder – gut auf ASI-Therapie ansprechen, haben zahlreiche Studien belegt.


Die Evidenz der sensorischen Integration


Die Evidenz für die Wirksamkeit der sensorischen Integration ist stark. Studien von Ayres (1978), Morrison (1986), Ottenbacher (1982), Kimball (1990), Blanche & Cermak (2023) bis zu Blanche, Test & White (2025) zeigen, um nur eine kleine Auswahl zu nennen, dass Kinder durch die SI-Brille neu verstehen werden können.



Obwohl Kimballs Studie in den 1980ern diese überraschenden Erkenntnisse brachte, wurden diese Hinweise nicht aufgegriffen, repliziert und als Entscheidungshilfe für die Diagnostik und Behandlung genutzt. Das Thema blieb in der medizinischen Literatur und in der Behandlungspraxis lange unerwähnt. Das lag nicht daran, dass es keine weiteren Belege gab – denn die gibt es:


  • Lane et al. (2010) untersuchten neuroendokrine, elektrodermale und Verhaltensmerkmale bei 6- bis 12-jährigen Kindern mit ADHS und sensorischen Überempfindlichkeiten. Die Ergebnisse legten nahe, dass ADHS in Verbindung mit Angstzuständen und sensorischer Reaktivität betrachtet werden sollte. Sie argumentierten anhand dieser biologischen Marker, dass es innerhalb der ADHS-Diagnose sensorische Untergruppen gibt.


  • Ghanizadeh (2011) zeigte in einem systematischen Review konsistente Hinweise auf sensorische Auffälligkeiten bei ADHS, sowohl in der Perzeption als auch in der Modulation.


  • Isaac et al. (2017) lieferten ein starkes physiologisches Argument für den Zusammenhang zwischen vestibulärer Unterempfindlichkeit und Aufmerksamkeitsproblemen. In ihrer Untersuchung an 13 ADHS-Kindern und 13 Kontrollkindern zeigten sich bei der ADHS-Gruppe ein signifikant reduzierter vestibulärer Reflex (cVEMP). Je geringer die vestibuläre Aktivität, desto stärker die sensorischen und Aufmerksamkeits-schwierigkeiten. Die Autor:innen schlussfolgerten, dass eine vestibuläre Hypofunktion zur typischen Symptomatik von ADHS beitragen dürfte.


  • Nunes et al. (2022) bestätigten, dass Kinder mit ADHS signifikant häufiger sensorische Über- und Unterempfindlichkeiten haben.


  • Delpont et al. (2023) gingen noch weiter: Sie belegten, dass der Schweregrad der ADHS-Symptome mit dem Ausmaß sensorischer Funktionsstörungen ansteigt – ein starkes Argument für einen kausalen Zusammenhang.


Diese Studien stützen objektiv das, was wir in der Praxis schon lange beobachten: Bei Kindern mit Aufmerksamkeitsproblemen liegen häufig sensorische Integrationsstörungen vor, und zwar vor allem eine vestibuläre Unterempfindlichkeit.



Warum hat sich die Diagnostik- und Therapiepraxis trotzdem nicht geändert?

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