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„Wir machen auch Sensorische Integration.“ – Wie Verwässerung dem Berufsfeld schadet

Aktualisiert: vor 4 Tagen


Es gibt Begriffe, die sich über die Jahre langsam verändern, an Schärfe verlieren und irgendwann kaum noch das meinen, was sie ursprünglich bezeichnen sollten. „Sensorische Integration“ ist einer dieser Begriffe. Der Begriff "Sensorische Integration" oder "SI" taucht überall auf - in pädagogischen Angeboten, in der Frühförderung, in Schulen, in der Motopädagogik, in Ratgebern, in Wellnesskonzepten, in Ergotherapiepraxen mit sehr unterschiedlichen Schwerpunkten.


Obwohl Eltern sicherlich an Sensorische Integrationstherapie denken, wenn sie nach diesem Angebot suchen, ist die Fülle an SI-Angeboten für sie als Konsumenten verwirrend und oft bekommen sie etwas anderes als Sensorische Integrationstherapie nach Ayres (ET-ASI). Das Bewusstsein, was die von Dr Ayres entwickelte Theorie der Sensorischen Integration und der daraus abgeleitete Therapieansatz wirklich sind, ist selbst unter Ergotherapeut:innen nur mäßig vorhanden.



Das Problem ist nicht nicht neu und nicht lokal - es existiert weltweit und seit den frühen 2000ern wird aktiv versucht, gegenzusteuern. Eine Maßnahme war der Namensschutz von Ayres' Sensorischer Integration® (ASI) . Die historischen Gründe dafür habe ich schon in meinem früheren Blogbeitrag „Von SI zu ASI – warum die Unterscheidung wichtig ist“ erläutert.


Heute möchte ich einen anderen Blickwinkel einnehmen. Eine klare Kommunikation hat etwas mit professioneller Verantwortung zu tun. Möglichst gut und auf dem neuesten Stand qualifiziert zu sein, um Maßnahmen fachgerecht und auf dem aktuellsten Stand anbieten zu können, hat etwas mit Berufsethik zu tun. Der Satz „Wir machen auch SI“ ist nicht harmlos , sondern kann ein berufsethisches Problem darstellen.



Was noch SI genannt wird, aber nicht ASI ist

Dass „SI“ im deutschsprachigen Raum verwässert wurde, ist nicht nur ein historischer Zufall. Es ist ein strukturelles Problem, das sich über Jahrzehnte aufgebaut hat. SI wurde im deutschen Sprachraum früh als eine Art sensomotorisches Entwicklungskonzept gelehrt: Bewegen, Sinneserfahrungen, Lernen, ohne wissenschaftliche Fundierung, mehr als ein Handwerk.


Mädchen steht auf Balancierscheibe, Frau steht daneben, der Raum wirkt wie eine Wohnung oder Praxis
Nicht ASI

Parallel dazu hielt Sensorische Integration - ausgehend von Hamburg, die die Zugehörigkeit der SI zur Ergotherapie ablehnte und viele Sportlehrer und Pädagog:innen in SI "ausbildete" und auf den Weg schickte, um therapeutisch zu arbeiten, Bücher zu schreiben und andere weiterzubilden - Einzug in die Pädagogik, Heilpädagogik, Motopädagogik, Psychomotorik und sogar in Freizeitprogramme für Kinder, in Baby- oder Eltern-Kind-Kurse. Das war einerseits gut - vielen Menschen erfuhren davon, wie die Nahsinne zur Entwicklung beitrugen. Aber es reduzierte die SI auch auf ein simplifiziertes Modell. Der Begriff "SI" wurde immer breiter und unspezifischer. Das Ergebnis war, dass alles, was irgendwie mit den Sinnen zu tun hat, als „SI“ verkauft wird.


Auch innerhalb der Ergotherapie sah es bezüglich ASI bis ca. 2024 nicht toll aus:

  • Bereits seit Dr Ayres' Zeiten waren immer Stimmen laut, die gegen ASI waren. Erst die Anerkennung von ASI als evidenzbasierte Praxis von vielen Seiten und die höchste Auszeichnung des amerikanischen Ergotherapieverbandes AOTA für zwei ASI-Vertreterinnen - Anita Bundy 2024 und Roseann Schaaf 2025 - haben diese Stimmen weitgehend zum Verstummen gebracht.

  • Manche Ausbildungsstätten folgten diesen Stimmen ungeprüft und repräsentieren SI negativ in der Ergotherapieausbildung oder lassen sie gänzlich unter den Tisch fallen statt ASI als Modell für eine wissenschaftliche ergotherapeutische Herangehensweise vorzustellen.

  • Praktizierende Therapeut:innen ohne ASI-Ausbildung führen nach einem einwöchigen SI-Kurs "Sensorische Integrationstherapie" durch, von der die Eltern erwarten, dass sie evidenzbasiert (= wirksam) und von bester Qualität ist.

  • Praxen werben mit SI, obwohl die Mitarbeiter:innen nicht in diesem Therapieansatz ausgebildet sind.

  • "SI-Therapie" wird in ungeeigneten Räumen wie Turnsälen oder kleinen Therapieräumen angeboten...


Die Konsumenten - also die Eltern, die für ihr Kind die beste Sensorische Integrationstherapie nach Ayres suchen, weil sie gehört oder gelesen haben, dass dies ihrem Kind umfassend und punktgenau helfen könnte - sind selbst kaum in der Lage zu erkennen, was eine zeitgemäße, evidenzbasierte Ergotherapie nach ASI-Ansatz ist. Ja nicht einmal Ergotherapeut:innen wissen es oft – weil ihre Ausbildung ihnen die wissenschaftlichen Grundlagen von ASI nicht oder nur rudimentär vermittelt hat.


Diese Verwischung des Begriffes SI ist nicht nur verwirrend. Sie ist ethisch problematisch, vor allem, weil Kindern dadurch die notwendige und wirksame Therapie vorenthalten und wertvolle Zeit verloren wird.


Hintergrund aus bunten Perlen und Bausteinen, davor 2 überschneidende Kreise mit der Beschfitung  SI und ASI
SI ist heute ein allgemeiner Begriff, ASI ist spezifisch definiert

Denken wir einmal an uns selbst: Fühlst du dich bei einem Zahnarzt bestens aufgehoben, der mit einer Ausbildung aus den 1970er Jahren, Geräten und Techniken aus den 80ern behandelt und sich zwar in vielen anderen Bereichen weitergebildet hat, aber nicht in Zahnbehandlung? Wohl kaum. Wir wollen einen Spezialisten, der moderne Diagnostik mit digitalen 3D-Röntgenbildern, neue Verfahren und schmerzärmere Techniken anbietet.


Bist du selbst die "Zahnärzt:in", die mit unvollständiger Ausbildung, veralteten Techniken und Materialien arbeitet? Wenn du dich hier ertappt fühlst: das soll keine Anklage sein, sondern ein Impuls, das jetzt in Ordnung zu bringen!



„Wir machen auch SI“ – ein Satz, der Erwartungen weckt, die nicht erfüllt werden

Viele Eltern erzählen mir, dass ihnen im Kindergarten, in der Schule, in der Frühförderung oder in einer Praxis gesagt wurde: „Wir machen auch SI“. Die Eltern hatten das als fachkundige, wirksame Therapie nach Ayres' SI-Ansatz (ET-ASI) verstanden. Und jedes Mal wird klar: hinter diesem Satz kann sich alles Mögliche verbergen. Oft gibt es einen Raum mit SI-Geräten und vielleicht hat jemand einen Kurs zu SI gemacht.


Dabei ist es so offensichtlich, wenn wir ein paar Vergleiche heranziehen:

Niemand würde eine Massageliege „Physiotherapie“ nennen.

Niemand würde eine Spritze "ärztliche Behandlung" nennen.

SI-Geräte werden hingegen oft bereits für SI-Therapie gehalten.


Injiziert eine Person jemandem klares Wasser mit einer Spritze, sieht das genauso aus wie wenn ein:e ausgebildete:r Mediziner:in eine kompetent gefüllte Spritze injiziert. Der Unterschied zeigt sich in der Auswirkung der Injektion.


Wenn jemand mit einem Kind auf SI-Geräten spielt und wenn eine qualifizierte Therapeut:in diese Geräte kompetent als Mittel zum Zweck der Therapie einsetzt, kann das von außen ebenfalls ähnlich aussehen. Auch hier wird sich der Unterschied erst in der Auswirkung der Maßnahme zeigen.


Die Leidtragenden einer "Spritze mit klarem Wasser" statt echter ET-ASI durch eine ASI®Practitioner:in sind die Kinder und ihre Eltern, die glauben, ihr Kind hätte wirksame und spezifische ET-ASI erhalten, während in Wirklichkeit wertvolle Zeit für eine unspezifische, nicht evidenzbasierte Maßnahme aufgewendet wurde.



Präzise Begriffe sind ein ethisches Gebot

Für das Berufsfeld der Ergotherapie war klare Sprache schon immer schwierig. Der Kern der Ergotherapie ist schwerer fassbar als die Bewegung in der Physiotherapie oder die Sprache in der Logopädie. Viele Ergotherapeut:innen können, obwohl sie im Beruf stehen, keinen punktgenauen Elevator Pitch über ihren Beruf formulieren.


Doch in der Verpackung "Sensorische Integration" sollte auch tatsächlich Ayres' Sensorische Integration (ASI) drin sein, denn das ist die Erwartung unserer Klienten. Und ASI ist etwas sehr Konkretes:


ASI ist weder sensomotorische Übungen, noch ein Programm, noch eine Methode oder Technik. ASI ist mehr: Wie Kramer & Hinojosa seit 1992 in ihrem Klassiker "Frames of Reference for Pediatric OT" schrieben, ist Ayres' Sensorische Integration ein entwicklungsneurologischer theoretischer Bezugsrahmen für die Ergotherapie, der eine klare Richtschnur dafür bietet, worauf wir in der Befunderhebung achten, wie wir Ergebnisse interpretieren und wie wir unsere Behandlung strukturieren und gestalten. Er vereint sowohl die wissenschaftliche Seite – die Fundierung und Evidenzbasierung – als auch die einzigartige therapeutische Beziehung, die jedes Kind respektiert, als Verbündeten betrachtet und maximal selbst organisiert handeln lässt.


Mit dem Manual (Schaaf & Mailloux 2015) und dem Fidelity Measure (Parham 2007, 2011) ist ASI einer der am besten beschriebenen therapeutischen Therapieansätze überhaupt. Ein Manual oder Handbuch ist eine Voraussetzung, für qualitativ hochwertige Wirksamkeitsstudien. Es beschreibt detailliert den Therapieprozess von der Erhebung der Partizipationsprobleme über die standardisierte Befunderhebung, Hypothesenbildung, Zielsetzung und methodentreue Umsetzung mit dem klinischen Reasoning, das sich durch den ganzen Prozess zieht. Das Fidelity Measure ist die Grundlage für die methodentreue Umsetzung der Behandlung. Die Kombination von Merkmalen, die im Fidelity Measure für ASI beschrieben sind, ist einzigartig für ET-ASI.


Genau deshalb sprechen wir im Fachkreise heute bewusst von ET-ASI, also Ergotherapie nach dem ASI-Ansatz, und nicht einfach von „SI-Therapie“. Denn „SI-Therapie“ kann alles meinen. ET-ASI kann nur eines meinen.



Was wir alle schon heute beitragen können, damit die Sensorische Integrationstherapie nach Ayres (ET-ASI) ihr Profil behält

  • Verwässere Begriffe nicht. Wenn in deiner Praxis niemand eine komplette Zusatzausbildung in ASI hat, wirb nicht damit, dass ihr SI anbietet. Täusche nicht vor, dass ihr eine evidenzbasierte Leistung bietet, wenn ihr die Kriterien nicht erfüllt. Das untergräbt die professionelle Identität unseres ganzen Berufsstandes.

  • Bilde dich zum ASI®Practitioner aus. Wenn du mit ASI arbeiten möchtest, aber noch keine ASI-Ausbildung hast, dann mach sie! Wenn du als Gesprächstherapeutin arbeiten möchtest, musst du auch eine Ausbildung abschließen, bevor du die Gesprächstherapie mit Klient:innen durchführen kannst. Melde dich heute noch an und starte jetzt! Das ASI-Zertifikatsprogramm ist hybrid, was es im Vergleich zu anderen Ausbildungen wie Kunsttherapie oder Psychotherapie preisgünstig und auch praktisch macht. Erfahre HIER mehr!

  • Upgrade deine alte SI-Ausbildung! Wenn du eine alte SI-Ausbildung hast, dann mach das Upgrade - die EASI-Schulung und 3 online Kurse. In einem halben Jahr kannst du schon dein ASI®Practitioner Zertifikat in den Händen halten. Erfahre HIER mehr!

  • Informiere und kläre auf! Hilf den Eltern durch den Dschungel von Angeboten. Sei spezifisch mit deinen Empfehlungen: nach deiner detaillierten ASI-Befunderhebung kannst du entscheiden, für welches Kind ein SI-Gruppenangebot im Kindergarten ausreicht und welches Kind unbedingt in die ET-ASI kommen muss.

  • Setze ASI auf evidenzbasierte Art ein, wenn du ASI®Practitioner bist! Falle nicht zurück in deine alten Muster (oberflächliche Befunderhebung, Therapieplanung von den SI-Geräten aus statt vom sensorischen Befund).



Mein Appell an dich:

Hilf ab heute mit, Eltern klare Orientierungshilfen zu ET-ASI zu geben und zugleich ein ur-ergotherapeutisches Berufsfeld zu schützen, das auf wissenschaftlicher Präzision UND therapeutischer Haltung beruht! Trage dazu bei, dass ET-ASI fachgerecht und methodentreu praktiziert wird und als solches benannt und anerkannt wird!





Literatur

Ayres, A. J. (1972). Sensory integration and learning disorders. Western Psychological Services. Auf Deutsch erhältlich als "Lernstörungen: Sensorisch-integrative Dysfunktionen" bei Springer.


Kramer, P. & Hinojosa, J. (1992, Neuauflage zuletzt 2025). Frames of reference for pediatric occupational therapy. Lippincott


Parham, L. D., & Mailloux, Z. (2015). Ayres Sensory Integration®. In J. Case-Smith & J. C. O’Brien (Eds.), Occupational therapy for children and adolescents (pp. 258–303). Elsevier.


Schaaf, R. C., & Mailloux, Z. (2015). Clinician’s guide for implementing Ayres Sensory Integration®: Promoting participation for children with autism. Journal of Occupational Therapy, Schools, & Early Intervention, 8(2), 93–103. https://doi.org/10.1080/19411243.2015.1049864


Schaaf, R. C., Benevides, T. W., Mailloux, Z., Faller, P., Hunt, J., van Hooydonk, E., Freeman, R., Leiby, B., Sendecki, J., & Kelly, D. (2014). An intervention for sensory difficulties in children with autism: A randomized trial. Journal of Autism and Developmental Disorders, 44(7), 1493–1506. https://doi.org/10.1007/s10803-013-1983-8


Schaaf, R. C., & Davies, P. (2010). Evolution of the sensory integration frame of reference. The American Journal of Occupational Therapy, 64(3), 363–367. https://doi.org/10.5014/ajot.2010.09069

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