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Taktile Abwehr ist nicht die einzige sensorische Ursache für ungewöhnliches Essverhalten!

Aktualisiert: 16. Nov. 2025


Ungewöhnliches Essverhalten ist im Alltag vieler Familien sichtbar – und in der therapeutischen Praxis nicht weniger. Manche Kinder essen nur fünf Lebensmittel. Andere würgen bereits beim Kochgeruch aus der Küche. Auch Erwachsene kennen Abneigungen gegen bestimmte Speisen, die sich nicht ganz rational erklären lassen und möglicherweise zu einem eingeschränkten Nahrungsmittelrepertoire führen.


Aus der Perspektive von Ayres' Sensorischer Integration (ASI®) wird schnell klar: Essen ist eine multisensorisch-motorische Leistung, die nur gelingt, wenn das Nervensystem die Sinnesreize aus verschiedenen Systemen geordnet verarbeitet (Ayres, 1972). Und obwohl taktile Abwehr das bekannteste sensorisch-integrative Störungsbild ist, das mit Essproblemen in Verbindung gebracht wird, ist es bei weitem nicht die einzige sensorische Ursache für ungewöhnliches Essverhalten.


 

Beim Essen geht es nicht nur um Geschmack


"Schmeckt's dir nicht?" greift zu kurz. Denn beim Essen verarbeitet das Nervensystem gleichzeitig eine Vielzahl sensorischer Informationen – Geruch, taktile Beschaffenheit, Geschmack, visuelle Eindrücke sowie propriozeptive Rückmeldungen. Esssituationen sind daher immer multisensorisch (Schaaf & Nightlinger, 2007; Davis et al., 2013; Stevenson, 2010). Alle diese Sinnesreize müssen registriert, moduliert und gefiltert, geordnet, interpretiert und zu einem kohärenten Handlungsmuster integriert werden.

Für die meisten von uns funktioniert das intuitiv. Bei anderen ist die Verarbeitung von einer oder mehreren Sinnesinformationen an irgendeiner Stelle in diesem Prozess gestört: die Reize werden nicht registriert oder moduliert, gefiltert, genau erkannt oder richtig interpretiert. Und das bringt den ganzen Essprozess aus dem Gleichgewicht.  

 

Taktile Abwehr – die bekannteste sensorische Ursache für Essstörungen

Meist ist nicht der Geschmack des Essens das Problem bei einer Fütter- oder Essstörung, sondern sehr häufig die taktile Qualität der Nahrung. Taktile Abwehr ist ein Syndrom, das aus Überempfindlichkeit gegenüber diffusen taktilen Reizen, Ablenkbarkeit und Hyperaktivität besteht (Ayres, 1979). Laut Davis (2013) liegen bei 67% der Kinder mit Essproblemen sensorische Verarbeitungsstörungen vor und am häufigsten taktile Abwehr. Beim Essen zeigt sich das typischerweise als starke Selektivität abhängig von der Textur des Nahrungsmittels. Abgelehnt werden Nahrungsmittel mit einer bestimmten Beschaffenheit wie matschig, klebrig, bröselig, faserig oder gemischte Konsistenz, zu warme oder kalte Speisen und neue Lebensmittel.


Bub versteckt Kopf abwehrend hinter seiner Hand als sich ein Löffel mit Essen sich nähert
Bub lehnt Essen ab, das Frau auf dem Löffel anbietet

Das überempfindliche taktile Schutzsystem (der anterolaterale oder spinothalamische Anteil des somatosensorischen Systems) kann den taktilen Reiz nicht tolerieren und versetzt das Gehirn in Alarmmodus. Würgereflex, Ekel, Verweigerung oder Rückzug sind automatische Schutzreaktionen, die die Betroffenen auch in anderen Alltagssituationen zeigen: als Reaktion auf bestimmte Textilien, Berührungen und Materialien wie Sand oder Teig (Kinnealey et al., 1995; Kim).

 

Das Essen im Mund nicht spüren

Auch das Gegenteil der taktilen Abwehr kann zu Essproblemen führen: wenn Kinder die Nahrung im Mund nicht richtig spüren. Ihr Gehirn bekommt nur unklare, ungenaue Informationen darüber, wo sich die Nahrung gerade befindet, welche Form und Konsistenz sie hat. Durch diese taktile und evtl. propriozeptive Unterempfindlichkeit spüren sie nicht zuverlässig, wie sich die Nahrung im Mund verteilt und bewegt und wie viel Kraft ihr Kiefer aufbringen muss. Dadurch wird Kauen mühsam und ineffizient.

Typische Verhaltensweisen können sein:

  • „Kaufaulheit“, nicht aus Unwillen, sondern weil das Kauen anstrengend ist

  • Häufiges Verschlucken

  • Stopfen (weil das Kind nicht spürt, wann der Mund voll ist)

  • Vorliebe für homogene Konsistenz, entweder weich (erfordert kein Kauen)  oder fest bis hart (z.B. rohes Gemüse), was klare Rückmeldung gibt.


Ca. 5-jähriges Mädchen in gestreiftem Shirt verschluckt sich beim Essen mit dem Löffel
Mädchen verschluckt sich beim Essen

Auch das Gleichgewichtssystem kann zu ungewöhnlichem Essverhalten führen

Eine wichtige Voraussetzung für das Essen ist eine ausreichende Haltungsstabilität und ein guter Muskeltonus für das Saugen und Kauen. Folglich haben Kinder mit schlechter Haltungskotrolle und herabgesetztem Muskeltonus – wie dies bei vestibulärer Unterempfindlichkeit der Fall ist – auch oft Schwierigkeiten mit dem Essen.


Häufig waren sie als Babys „saugfaul“ und sind später „kaufaul“ – nicht wegen mangelnder Kooperation, sondern weil Saugen und Kauen schlicht viel Kraft über einen längeren Zeitraum erfordern (DeGangi, 2017). Das ungewöhnliche Essverhalten kann sich in ungeschicktem Essen zeigen, darin, dass das Kind bei Tisch nicht sitzen bleibt, sondern aufstehen möchte oder sich auf den Tisch legt, oder dass es generell bevorzugt im Liegen isst.

 

Geruchsempfindlichkeit – der unterschätzte Mitspieler

Eine Überempfindlichkeit gegenüber Gerüchen kann dazu führen, dass Betroffene bereits vor dem ersten Bissen, ohne am Esstisch zu sitzen, Stress, Ekel oder Übelkeit empfinden. Oft reicht der Geruch von warmen Speisen wie gekochtem Gemüse, gemischten Gerichten oder intensiven Gewürzen aus, um Alarm- und Schutzreaktionen auszulösen.


Das Besondere am Geruchssinn ist, dass das Signal direkt in das limbische System geleitet wird, das für emotionale Bewertung und Schutzreaktionen zuständig ist (Stevenson, 2010). In der ASI-Therapie ist der Geruchssinn daher schwerer als der taktile Sinn zu beeinflussen.


Auch der Geschmackssinn spielt eine Rolle - aber anders als du denkst!

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