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Schulschwierigkeiten durch die sensorische Brille betrachtet - Teil 3: Wenn Schulreife nicht stabil ist und Schule (noch) zu viel verlangt

Aktualisiert: 22. Nov.


Nach den ersten Schulwochen zeigt sich, wo Kinder im Schulalltag gut zurechtkommen und wo es schwierig wird. Da gibt es welche, die jetzt bereits Aufgaben verweigern, stören, weinen oder sich zurückziehen. Nicht aus Trotz, sondern weil ihr Nervensystem die steigenden Anforderungen (noch) nicht souverän verarbeiten kann. Jetzt wird sichtbar, wie stabil die Grundlagen der Schulreife tatsächlich sind.



Schulreife als Prozess – nicht als Zustand


Schulreife ist kein Punkt auf einer Checkliste, sondern das Ergebnis eines über Jahre gewachsenen Integrationsprozesses. Dr Jean Ayres beschrieb diesen Zusammenhang bereits in den 1970er-Jahren in ihrer Entwicklungsübersicht aus dem Buch "Bausteine der kindlichen Entwicklung (Ayres, 2005, Deutsch: 2013): die Nahsinne taktil, propriozeptiv und vestibulär bilden die zentrale Grundlage für die Körperwahrnehmung, Aurrichtung gegen. die Schwerkraft, Nahurungsaufnahme und Bindung, später die bilaterale Koordination, längere Aufmerksamkeit und Ausdauer, Körperschema und Bewegungsplanung und visuo-motorische Fähigkeiten. Vestibulär-auditive Integration bildet die Grundalge für Sprachentwicklung. Schließlich - nach einem jahrelangen Entwicklungsprozess erreicht das Kind Fähigkeiten, die wir als Schulreife bezeichnen: Konzentration und Aufmerksamkeit, Organisation und Verhaltenskontrolle, Selbstsicherheit, Verständnis für Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge, Handspezialisierung.


tabelle der sensorisch-integrativen Entwicklung in den ersten 7 Lebensjahren von Dr. Jean Ayres
Der Entwicklungsprozess nach Ayres – vom Sinn zur schulischen Leistung - die sensorisch-integrative Entwicklung der ersten 7 Lebensjahre, aus: Ayres, Bausteine der kindlichen Entwicklung (1984, 2013)

Vom Spüren zum Planen – wie taktile Wahrnehmung unsere Bewegung steuert

Bereits im Säuglingsalter ist das Spüren über den Berührungssinn (taktilen Sinn) die Grundlage für frühe Handlungsformen: Greifen, Saugen, Halten. Anfangs reflexhaft, später zunehmend variabel, bringen taktile Informationen das Kind dazu, die Hand an Objekte anzupassen. Schon früh integriert es taktile und visuelle Informationen: Was die Hand fühlt, bestätigt das Auge – und umgekehrt. Diese Integration setzt sich fort, wenn Kinder Formen sortieren, Steckspiele verwenden oder Puzzles zusammensetzen. Damit diese Aktivitäten gelingen, muss die taktile Diskrimination ausreichend präzise sein, ebenso das propriozeptive Feedback aus Muskeln und Gelenken. Auch spielerische Erfahrungen im Babyalter, wie das Spiel und Betrachten der eigenen Finger oder das In-den-Mund-Stecken der eigenen Füße sind wichtige frühe Bausteine der unbewussten inneren Landkarte des Körpers (Körperschema), die Bewegungsplanung überhaupt erst ermöglicht.



Forschungsergebnisse zur taktilen Perzeption und Motorik


Die Hypothese von Ayres – dass taktile und propriozeptive Funktionen eng mit Bewegungsplanung verbunden sind – wurde in zahlreichen empirischen Studien untersucht.

Eine frühe Arbeit von Abu-Dahab, Al-Jarrah und Al-Zyoud (2013) verglich 80 neurotypische Kinder mit 40 Kindern mit ADHS. Die Ergebnisse zeigten signifikante Unterschiede sowohl in der taktilen Diskrimination als auch in der Praxieleistung. Beide Bereiche waren bei der ADHS-Gruppe schwächer ausgeprägt, was die Annahme stützt, dass taktile Perzeption eng mit motorischer Planung verknüpft ist.


Noch interessanter: Auch bei entwicklungsbedingter Koordinationsstörung (UEMF, im Englischen "Developmental Coordination Disorder" DCD) wurde der Zusammenhang bestätigt. In einer Studie von Zwicker, Missiuna, Harris und Boyd (2015) korrelierte eine verminderte taktile Sensitivität signifikant mit eingeschränkter feinmotorischer Koordination. Kinder mit schlechterer taktiler Perzeption erzielten auch niedrigere Werte in Tests zur Bewegungsplanung.


Eine dritte Studie von Tai et al. (2012) untersuchte den Zusammenhang zwischen taktil-kinästhetischer Wahrnehmung und Handschrift bei 177 Kindern im Grundschulalter. Die Autor:innen fanden klare Zusammenhänge zwischen der Genauigkeit der taktilen Wahrnehmung und der Lesbarkeit und Geschwindigkeit der Schrift. Kinder mit besserer taktil-kinästhetischer Wahrnehmung schrieben lesbarer, rhythmischer und mit konstanterem Druck.


Diese Befunde verdeutlichen, dass Bewegungslernen wie es für da Schreiben nötig ist, weder eine rein kognitive noch eine rein motorische Fähigkeit ist, sondern von fein abgestimmten taktil-kinästhetischen Sinnesinformationen abhängt.



Propriozeption und Somatodyspraxie


Auch die Rolle der Propriozeption wurde mehrfach empirisch untersucht.In einer Pilotstudie zeigten Miller, Lane, Cermak, Osten und Doyen (2020), dass 90% der Kinder mit Somatodyspraxie Defizite in mindestens einem propriozeptiven Bereich aufwiesen. Die Autor:innen schlossen daraus, dass unpräzise Informationen aus den Muskeln und Gelenken die Fähigkeit zur Planung und Ausführung komplexer Bewegungen erheblich beeinträchtigen können.


Eine weitere Untersuchung von Fisher et al. (2016) konnte ebenfalls objektive Unterschiede in der propriozeptiven Perzeption zwischen Kindern mit und ohne Dyspraxie nachweisen. Die Messung der Wahrnehmung von Gelenkpositionen zeigte bei der dyspraxischen Gruppe systematische Abweichungen – insbesondere in Bewegungen, die eine simultane beidseitige Koordination erforderten.


Diese Ergebnisse ergänzen Ayres’ ursprüngliche Beobachtungen: Somatodyspraxie ist weniger ein Problem des Wissens oder Wollens als der sensorischen Integration von somatosensorischen Informationen, auf denen die Bewegungsplanung beruht.


Kind klettert über ein hindernis
Genkörperlicher Einsatz bei neuartigen Anforderungen erfordert Bewegungsplanung und Praxie

Evidenz für den Zusammenhang zwischen sensorischer Integration und schulischem Lernen

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