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Im Raum und in der Zeit – wie der Gleichgewichtssinn unser Leben steuert

Wenn du das nächste Mal eine Straße überquerst, wirst du kaum darüber nachdenken: Blick nach links, Blick nach rechts, Schritte setzen – fertig. Doch in diesem scheinbar einfachen Ablauf spielen zahlreiche neuronale Prozesse mit, bei denen das Gleichgewichtssystem – das sogenannte Vestibularsystem – eine zentrale Rolle übernimmt. Es sorgt nicht nur dafür, dass wir nicht umfallen, sondern beeinflusst unser Wach- und Aufmerksamkeitsniveau, die automatischen Augenbewegungen, unsere Körperhaltung und Balance und letztlich auch die Fähigkeit, uns räumlich und zeitlich zu orientieren.

In diesem Artikel schauen wir uns zunächst die anatomischen und neurophysiologischen Grundlagen an, dann die Forschung – von Jean Ayres und Diane Parham vor 2000 bis hin zu aktuellen Studien – und schließlich, wie Bewegung und Alltagserfahrungen den Gleichgewichtssinn formen und fördern können.



Das Vestibularorgan – das Fundament der Wahrnehmung unserer Bewegung im Raum


Das Gleichgewichtsorgan liegt im Innenohr und besteht im Wesentlichen aus zwei Komponenten: dem Otolithenorgan (Utrikulus und Sakkulus), das statische Lageveränderungen und die Wirkung der Schwerkraft registriert, und den Bogengängen, die Drehbewegungen und Beschleunigungen wahrnehmen. Wenn wir den Kopf bewegen oder unser Körper im Raum beschleunigt wird, entstehen in einer gallertigen Substanz (Endolymphe) Kräfte, die auf die Haarzellen einwirken. Diese Rezeptoren werden aktiviert und über den Nervus vestibularis an die Vestibulariskerne im Hirnstamm und das Kleinhirn weitergeleitet.


Diese Informationen werden mit Signalen aus den Augen, Muskeln und Gelenken integriert. So entstehen automatische Reaktionen, die dafür sorgen, dass wir aufrecht bleiben, ein stabiles Blickfeld behalten und uns sicher bewegen können. Im Hirnstamm haben Signale aus dem Gleichgewichtssystem einen starken Einfluss auf die Formatio reticularis, die unser aufsteigendes retikuläres Aktivierungssystem (ARAS) bildet: sie regulieren unseren Wachheitszustand und haben damit einen starken Einfluss auf unsere Aufmerksamkeit. Intuitiv wissen wir alle über diesen Zusammenhang zwischen Gleichgewichtsreizen und Wachzustand Bescheid, denn niemand würde auf die Idee kommen, ein Baby zum Schlafen bringen zu wollen, indem man wild mit ihm herumtanzt und hüpft. Wir wissen nämlich, dass gleichmäßige, rhythmische, wiegende Reize – wie Wiegen in einer Babywiege, Hängematte oder Hollywoodschaukel beruhigend wirken, schnelle, wechselhafte Bewegungen beim Fangenspielen oder einer Polsterschlacht, bei dem man wild auf dem Elternbett herumspringt, machen wach und aktivieren das retikuläre Aktivierungssystem.



Entwicklung des Gleichgewichtssinnes in den ersten Lebensjahren


Im Vorschulalter macht der Gleichgewichtssinn eine große Entwicklung durch – und diese wird wesentlich geprägt durch vielfältige Bewegungserfahrungen: drüber, drunter, rundherum, auf und ab, vor und zurück sowie kopfüber. Kinder, die schaukeln, wippen, hüpfen, rollen, rutschen oder mit dem Fahrrad im Park unterwegs sind, sammeln dabei nicht nur motorische Daten, sondern ihr Gehirn bekommt wichtige „Probefahrten“ in Raum-, Zeit- und Bewegungskoordination.


Wenn ein Kind etwa eine lange Rutsche hinunterrutscht, durchläuft es eine Abfolge von Ereignissen: Die Ausgangshöhe wird erreicht → der Impuls zum Gleiten setzt ein → der Kopf kippt leicht nach hinten, dann nach vorne → die Augen registrieren den Boden, das Umfeld huscht in einer bestimmten Abfolge vorbei → das Gleichgewichtsorgan registriert Schwerkrafteinfluss und Beschleunigung → der Körper verlagert sein Gewicht, die Arme machen ausgleichende Bewegungen → die Bewegung endet, Bodenkontakt kommt, Muskelspannung verändert sich. Diese Abfolge von Ereignissen wird gespeichert - das Kind entwickelt einen Sinn für Seuqenzen. Oder beim Fahrradfahren im Park: Das Kind tritt los, nimmt Geschwindigkeit auf, der Blick schweift voraus, jetzt kommt diese Kurve, dann jene, die Fahrt geht am Teich vorbei, dann auf den Hügel. Diese Abfolge von Ereignissen entwickelt die Fähigkeit des Sequenzierens, des Erkennens und Ausführen von Abfolgen, sei es in Bewegung (wie bei einem Tanz) oder in Bildern (wie bei den Buchstaben eines Wortes).


Mädchen auf Stützfahrrad mit beiden Eltern
Mädchen auf Stützfahrrad mit beiden Eltern

Diese Erfahrungen bilden die Grundlage dafür, dass Kinder später detaillierte Raumbegriffe (nicht alles liegt "bei" etwas, sondern "daneben", "darauf", "dahinter", "dazwischen" usw.) und einen Zeitbegriff entwickeln - also was "gestern", "vorgestern" und "in einer Woche" bedeutet und wo sie auf einer Zeitachse liegen (Foudriat, 1993). Eine gut entwickelte vestibuläre Verarbeitung unterstützt somit nicht nur die Einschätzung von Distanzen, Höhen und Geschwindigkeit, sondern auch das Verständnis von Abfolgen (Sequenzieren), das eine wichtige Grundlage für das Erlernen dieses Zeitbegriffs und komplexerer Bewegungs- und Denkprozesse ist (Wiener-Vacher et al., 2013; Urbančič, Battelino & Vozel, 2023).



Forschungsschwerpunkte: Gleichgewichtssinn, Lernen und Aufmerksamkeit


Jean Ayres (1972) beschrieb das Vestibularsystem als „Tor zum Gehirn“, weil es in fast alle neuronalen Netzwerke eingebunden ist, die Bewegung, Haltung, Augensteuerung und Aufmerksamkeit regulieren. Ihre Forschung zeigte, dass eine reife vestibuläre Integration eine Voraussetzung für Bilateralität, Auge-Hand-Koordination und Raumorientierung ist.


Ein besonders spannender Beitrag stammt von Parham (1998). In einer vierjährigen Längsschnittstudie untersuchte sie die Beziehung zwischen sensorischer Integrationsentwicklung und schulischen Leistungen bei Grundschulkindern. Das Ergebnis: Kinder mit besser integrierter vestibulärer und propriozeptiver Verarbeitung zeigten stabilere Lernfortschritte im Lesen, Schreiben und Mathematik. Parham betonte, dass der Gleichgewichtssinn indirekt über Körperkontrolle, visuelle Stabilität und Aufmerksamkeit das Lernen unterstützt – und damit weit mehr als ein Balance- und Bewegungssinn ist.


Neuere Studien bestätigen diese Zusammenhänge. Vestibuläre Aktivität beeinflusst das Arousal, das Aktivierungsniveau des Gehirns (Hitier et al., 2014), verbessert die Aufmerksamkeitsleistung (Yates & Bronstein, 2005) und kann über gezieltes Training Wahrnehmungsschwellen senken und Haltungskontrolle fördern (Li et al., 2024; Pavlou et al., 2013).



Was hat das Überqueren einer Straße mit dem Gleichgewichtssinn zu tun?

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