Ist Sensorische Integration neurodiversitätsfreundlich?
- 9. Sept. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Was die Neurodiversitätsbewegung fordert – und wie Ayres' Sensorische Integration (ASI®) dem entspricht
Von Vertreter:innen der Neurodivergenz-Perspektive, insbesondere aus der Autistic Rights Movement und der breiteren Neurodiversitätsbewegung, wird seit Jahren gefordert, dass Therapien neurodiversitätsfreundlich, respektvoll und affirmierend sein müssen. Es braucht einen Paradigmenwechsel – weg von der Pathologisierung, hin zu einer Haltung, die neurologische Diversität als normalen Teil der menschlichen Vielfalt betrachtet (Neurodiversitätsbewegung, siehe Wikipedia).
Auch die SI blieb nicht vor Kritik gefeit
Auch die Sensorische Integration blieb nicht vor der Kritik der Neurodiversitätsbewegung gefeit. Für ausgebildete ASI-Practitioner wirkt das oft unverständlich. Doch fragen wir uns einmal ehrlich: Was wird da draußen alles unter „SI“ verkauft?
Da gibt es etwa:
Sinnesreize, die in Verhaltenstherapien als Verstärker eingesetzt werden.
„Programme“, die einzelne Techniken herausgreifen – mit dem Ziel der Normalisierung von Funktionen, z. B. das Astronautenprogramm oder das Wilbarger-Protokoll.
Solche Anwendungen haben mit methodentreuer ASI wenig bis nichts zu tun – sie blenden den Kern der Haltung aus und reduzieren die komplexe Prozesse, die Ayres in ihrer Theorie und ihrem Therapieansatz betonte, auf standardisierte „Techniken“. Genau dort entstehen Missverständnisse - und wohl auch der Vorwurf, SI sei nicht neuroaffirmativ.
Der Maßstab: methodentreue ASI
Um zu beurteilen, ob ASI neurodiversitätsfreundlich ist, müssen wir uns an den Prinzipien orientieren, die das Fidelity Measure (Parham et al., 2007) definiert. Es nennt zehn zentrale Prozess-Elemente, darunter:
aktive Beteiligung und Zusammenarbeit bei der Auswahl nd Gestaltung der Aktivitäten
Spielerische Aktivitäten, an denen sich das Kind mit intrinsischer Motivation beteiligt
Genau richtige herausforderungen, die das Kind zu anpassenden Reaktionen herausfordern, ohne es zu überfordern
Therapeutische Allianz – eine Beziehung, die auf Respekt, Vertrauen und emotionaler Sicherheit basiert
Unterstützung optimaler Regulation und Selbstorganisation.
Schon hier wird deutlich: Normierung oder Anpassung an äußere Erwartungen gehören nicht dazu.
Die Kunst der Therapie: Haltung statt Technik
Jean Ayres selbst beschrieb Therapie als „Kunst“: Die Therapeutin wählt keine standardisierten Programme, sondern gestaltet einen lebendigen, kreativen Prozess, der auf das Kind zugeschnitten ist. Es geht um Resonanz, um das Verstehen der Bedeutung von Verhalten, um feinfühliges Begleiten. Therapie wird so zum gemeinsamen Tun – nicht zum Durchsetzen von Vorgaben.
Wenn ASI-Practitioner von „adaptiven Reaktionen“ oder „anpassendem Verhalten“ sprechen, meint das genau dies: eine Anpassung des Gehirns an Umweltanforderungen, nicht eine soziale Konformität. Das Ziel ist nicht „angepasstes Benehmen“, sondern mehr Handlungsfähigkeit und erleichterte Teilhabe.
Warum methodentreue ASI neurodiversitätsfreundlich ist
Wenn ASI methodentreu ausgeführt wird, zeigt sie eine klar neuroaffirmative Haltung:
Respektvoll: Die Person wählt mit, gestaltet mit, wird ernst genommen.
Kindzentriert: Intrinsische Motivation steht über äußeren Erwartungen.
Stärkend: Es geht um Regulation, Sicherheit und Selbstwirksamkeit – nicht um Korrektur.
Bedeutungsorientiert: Verhalten wird als Ausdruck neurodivergenter Wahrnehmung verstanden, nicht als Störung, die abtrainiert werden muss.
Fazit
Die Frage, ob Sensorische Integration neurodiversitätsfreundlich ist, lässt sich klar beantworten: Ja – wenn wir ASI methodentreu und in ihrer ursprünglichen Haltung umsetzen. Die gesamte Prämisse von ASI ist zu verstehen, warum neurodiverse Menschen so handeln, wie sie es tun, und wie wir ihnen das Leben erleichtern können. Normalisierung war nie das Ziel. ASI ist – in ihrer Essenz – ein zutiefst neuroaffirmierender, respektvoller und partizipativer Ansatz.
Was denkst du: Wird ASI in deiner Praxis oder in deinem Umfeld wirklich so verstanden – oder erlebst du oft noch die „verkürzten“ Versionen von SI?
Literatur & Quellen
Ayres, A. J. (1979/2004). Die Kunst der Therapie. Stuttgart: Thieme.
Parham, L. D., Cohn, E. S., Spitzer, S., Koomar, J. A., Miller, L. J., Burke, J. P., … Schaaf, R. C. (2007). Fidelity in sensory integration intervention research. American Journal of Occupational Therapy, 61(2), 216–227. https://doi.org/10.5014/ajot.61.2.216
Wikipedia (o. J.). Neurodiversitätsbewegung. Abgerufen von: https://de.wikipedia.org/wiki/Neurodiversitätsbewegung
Wikipedia (o. J.). Autistic Rights Movement. Abgerufen von: https://en.wikipedia.org/wiki/Autistic_rights_movement



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