Ein Blick auf das Körperschema - was es ist, wie es mit sensorischer Integration zusammenhängt, worunter es leidet und wie wir es fördern können
- vor 6 Tagen
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Dr Ayres beschrieb das Körperschema als die "unbewusste, innere Landkarte unseres Körpers". Es hilft uns, uns sicher und zielgerichtet zu bewegen und vor allem neuartige Bewegungsabläufe aufgrund der gespeicherten Vorerfahrungen planen zu können. Sichtbar wird das daran, dass wir uns rasch und automatisch an neue Anforderungen und Situationen anpassen können.
Das Körperschema ist die Grundlage für viele alltägliche Fähigkeiten: vom Anziehen über das Schreiben bis hin zum Sport - und für jede ungewohnte, neuartige Bewegungs- und Handlungsanforderung.
Hier ein paar Beispiele, warum das Körperschema so zentral ist:
Bewegungssicherheit: Kinder wissen, wo ihre Körperteile sind, auch ohne hinzuschauen.
Raumorientierung: Sie können sich besser im Raum bewegen und Hindernisse einschätzen.
Selbstwahrnehmung: Ein gutes Körpergefühl fördert das Selbstbewusstsein.
Lernprozesse: Viele Lernaufgaben, wie Schreiben oder Werken, profitieren von einem stabilen Körperschema.
Wenn das Körperschema nicht gut entwickelt ist, kann das zu Unsicherheiten, Koordinationsproblemen und Frustration führen. Deshalb ist es so wichtig, frühzeitig anzusetzen und das Körperschema zu stärken.
Wie hängt das Körperschema mit sensorischer Integration zusammen?
Dank Dr. Ayres früher Forschung, die später immer wieder bestätigt wurde, können wir dazu sehr differenzierte Aussagen treffen. Sie zeigte, dass vor allem taktile Sinnesinformationen stark mit der Bewegungsplanung zusammenhängen. Es geht dabei nicht um die taktile Empfindlichkeit, sondern um die Perzeption, die Analyse und Interpretation von taktilen Reizen, die wir dann für die rasche und automatische Anpassung an die Umwelt nutzen.
Beispiele:
Ich spüre, dass das Duschwasser zu warm ist - drehe mich rasch um und verstelle den Wasserhahn entsprechend.
Ich setze mich auf einen hohen Barhocker, taste mit den Händen nach der Sitzfläche und der Lehne, mit den Waden und den Kniekehlen nach dem Rand der Sitzfläche, und mit den Füßen nach der Fußstütze. So kann ich mich auch im Dunkel der Bar zügig auf den ungewohnt hohen Stuhl setzen.
Von unserer Intuition her würden wir annehmen, dass die Propriozeption am meisten zum Körperschema beiträgt, aber die Studien haben durchgehend gezeigt, dass der Hauptbeitrag aus dem taktilen System stammt, an zweiter Stelle Propriozeption kommt und an dritter Stelle visuelle Informationen. Die Rolle des visuellen Systems zeigt sich in der Entwicklung: kleine Kinder kennen nur ihre Körpervorderseite und wollen daher alle Bewegungen frontal angehen: sich kopfüber die Treppe hinunterlassen oder vom Bett oder frontal von einem Klettergerüst heruntersteigen. Das ist ganz normal - wie man die Hinterseite des Körpers einsetzt, haben sie noch nicht in ihr Körperschema integriert. Bei dyspraktischen Kindern sieht man dieses Verhalten viel länger. Der Grund ist derselbe.
Dr Ayres' Studien werden von der Neurophysiologie des Kortex bestätigt: die motorischen Planungsareale brauchen somatosensorische Informationen, um Bewegungen planen zu können. Informationen aus dem primären somatosensorischen Kortex werden direkt in die motorischen Assoziationsfelder (prämotorischer und supplementär motorischer Kortex) geleitet, bevor der motorische Kortex einen Bewegungsbefehl abschicken kann.
Worunter das Körperschema leidet
Eine gute sensorische Integration ist die Voraussetzung dafür, dass sich da Körperschema gut entwickeln kann. Kommen die Sinneserfahrungen ungeordnet, diffus oder verzerrt an, dann können sie nicht geordnet abgespeichert werden und das Körperschema bleibt grob und undifferenziert. Wie immer ist die Auseinandersetzung mit der Umwelt, bei der das Körperschema genutzt und mit Erfahrungen und Informationen "gefüttert" wird, ebenso entscheidend, damit es sich ausdifferenziert und immer detailreicher und genauer wird.
Damit haben wir auch schon gesagt, worunter das Körperschema leidet: unter taktilen und propriozeptiven Perzeptionsstörungen mit oder ohne Unterempfindlichkeit und unter einem Mangel an Bewegungserfehrungen und neuartigen Herausforderungen, die das Kind meistern muss und dabei sein Körperschema nutzt und ausdifferenziert.
Wie wir das Körperschema fördern können
Was aus dem bisher gesagten hervorgeht ist, dass "Bohnensäckechen auf die Gelenke legen" keine Förderung des Körperschemas ist. Aktiver Körpereinsatz in neuartigen Herausforderungen ist die beste Förderung des Körperschemas für alle Kinder.
Wenn wir es mit Kindern zu tun , die Perzeptionsstörungen haben, dann müssen wir noch eine Stufe darunter ansetzen und die sensorische Verarbeitung anregen. Es gibt viele Strategien, um die Sinne und das Körperschema zu fördern, die sich leicht in den Alltag, pädagogische Settings und die Therapie integrieren lassen.

Auf jeden Fall geht es um aktive Bewegung - gerne mit verstärktem Bewegungsfeedback - und wechselnde Herausforderungen, bie denen der ganze Körper eingesetzt werden muss, am besten in ganz unterschiedlichen räumlichen Bedingungen (drüber, drunter, rundherum, dazwischen durch) und mit unterschiedlichen Bewegungsarten (klettern, hüpfen, sich durchquetschen, ein Hindernis bewältigen, rollen,...) Die Bewegungsanforderungen sind dabei in spielerische Aktivitäten eingebettet. Hier sind einige Anregungen:
1. Enge Räume
Kleinkinder suchen sich oft enge Räume und experimentieren, ob und wie sie hineinpassen, ob sie sich durchquetschen können, ob sie gesehen/gefunden werden etc. Enge Räume - z.B. hinter einem Sofa oder zwischen zwei Polstermöbeln - sind eine tolle Gelegenheit, etwas über das eigene Körperschema zu lernen und es mit Informationen zu füttern.
Bewegung vor dem Spiegel
Sich selbst im Spiegel zu beobachten während man tanzt, Grimassen macht oder Tiere imitiert ist eine ungewöhnliche und lustige Erfahrung, die ebenfalls viele neue Informationen für das Körperschema bietet.
Durch dass visuelle Feedback kann das Kind sein Körperbewusstsein verbessern. Das Nachahmen von Bewegungen oder das Üben von Posen macht nicht nur Spaß, sondern fördert auch die Selbstwahrnehmung.
Außergewöhnliche Hindernisparcours
Es geht dabei gar nicht um die Anzahl der Stationen - eine oder zwei können reichen, wenn es sich dabei um einen Tunnel in einer Hängematte und einen großen Polsterberg handelt, durch den man sich durchgraben muss. Auch ein trapez eignet sich gut für einen solchen Parcour, da es Übergänge schafft und gute Planung des Ablaufs und des Timings erfordert.
4. Kreative Bewegungsangebote
Tanzen und Yoga fördern durch die Intensität der Muskelarbeit und die Konzentration auf die Bewegung ebenfals das Körperschema. Wenn man taktile Materialerfahrungen und Bewegung gegen Widerstand einbaut, sind dies für Therapiekinder mit sensorischen Integrationsstörungen empfehlenswerte Freizeitaktivitäten.

Kinder, die "irgendwie anders" sind - auch ihr Körperschema ist anders
Kinder mit Wahrnehmungssgörungen haben oft Schwierigkeiten mit ihrem Körperschema (nämlich dann, wenn sie ausgeprägte taktile und evtl. propriozeptive Perzeptionsstörungen haben). Sie wirken unkoordiniert, sind entweder Draufgänger oder unsicher oder oft überfordert. Das kann im Alltag und in der Schule zu Problemen führen.
Wenn derartige Probleme auffallen, sollte das Kind eingehend ergotherapeutisch abgeklärt werden, um die möglichen Ursachen herauszufinden, an denen die Behandlung ansetzen muss, wenn man nicht nur Splitterfertigkeiten antrainieren möchte.
Nach den oben beschriebenen Prinzipien geben wir dem Kind Gelegenheit, seinen Körper mit seinen Möglichkeiten und Grenzen intensiver zu spüren, sein Körperschema besser auszudifferenzieren und dadurch seine Bewegungen sicherer zu planen und zu steuern.
Auf dem Weg zu mehr Körperbewusstsein: Ein Blick in die Zukunft
Ein physisch aktiver Lebensstil ist die beste Langzeitförderung des Körperschemas. Dabei sollte eine Bewegungsvielfalt angeboten werden, nicht immer dasselbe.
Kinder, die ihr Körperschema gut entwickelt haben, sind selbstbewusster, beweglicher und lernen leichter.
Praxistipp
Eine einfache Möglichkeit, das Körperschema zu überprüfen, die keine speziellen Praxietests erfordert, ist die Selbstdarstellung. Immer wieder lasse ich die Kinder am Ende der Therapiestunde sich selbst auf einem Therapiegerät zeichnen. Das sagt mir viel darüber, wie sie ihren Körper erleben, wie differenziert sie ihn wahrnehmen, und wie sie sich im Verhältnis zur Umwelt einschätzen. Wenn man das über eine längere Zeit hinweg macht - natürlich völlig ohne Anleitung oder Hinweise - hat man eine schöne Fortschrittsdokumentation der Entwicklung des Körperschemas.



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