Wie toll - ein Beidhänder! Oder doch nicht so toll?
- SIexpertsDE

- 27. Sept.
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 22. Nov.
Die meisten von uns nehmen es als selbstverständlich hin, dass wir eine „starke“ Hand haben – für die meisten die rechte, für etwa 10% die linke (Papadatou-Pastou et al., 2020). Wirklich beidhändig, also in allen Tätigkeiten gleich geschickt mit beiden Händen, sind jedoch nur etwa 1% der Bevölkerung. Eine weitere Gruppe – größer, aber oft übersehen – wird als „mixed-handed“ oder „Mischhändig“ bezeichnet: Menschen, die je nach Aufgabe mal die eine, mal die andere Hand bevorzugen, ohne eine klare Dominanz auszubilden.

Beidhändigkeit – Zufall oder sensorisches Muster?
Auf den ersten Blick scheint es reiner Zufall zu sein, ob jemand rechts, links oder beidhändig ist. Studien nennen genetische Faktoren, aber auch eine ganze Reihe von „überraschenden“ Umwelteinflüssen: niedriges Geburtsgewicht, Frühgeburt, Mehrlingsgeburten oder frühe neurologische Auffälligkeiten. Aus Sicht der Sensorischen Integration (ASI) ist das jedoch gar nicht überraschend: genau in diesen Konstellationen haben Kinder ein erhöhtes Risiko für Schwierigkeiten in der Hirnorganisation – Hirnfunktionsstörungen - und für SI-Störungen, die, wie wir gleich sehen werden, auch etwas mit der Händigkeitsentwicklung zu tun haben können.
Die Entwicklung der Handdominanz beginnt bereits im Kleinkindalter und stabilisiert sich meist vor dem 5. Geburtstag. Bei Einjährigen sieht man oft schon recht deutlich, welche Hand sie bevorzugen. Dann kommt eine Phase von viel bimanueller Aktivität, aber die meisten Kinder benutzen ab 3 Jahre Werkzeuge wie Besteck, Hammer, Stift, Nadel zum Fädeln mit der bevorzugten hand und bilden die Geschicklichkeit dieser hand dadurch immer mehr aus.
Die Entwicklung der Händigkeit
Händigkeit ist ein Ausdruck von Seitenspezialisierung. Und Spezialisierung kann erst erfolgen, wenn beide Seiten gut integriert sind, also gut zusammenarbeiten.
Um eine klare Handdominanz zu entwickeln, braucht es also zuerst eine gute bilaterale Integration. Damit ist das harmonische Zusammenspiel beider Körperseiten gemeint, das nicht erst bei den kortikalen Hemisphären beginnt, sondern schon auf einem viel niedrigeren Hirnniveau: auf Hirnstammebene. Dr. Ayres stellte die Hypothese auf, dass der Austausch von Informationen zwischen den Vestibulariskernen im Hirnstamm die früheste Stufe und damit eine Grundlage der bilateralen Integration bildet.
Bilaterale Integration zeigt sich auf 3 Arten:
in rhythmischen Bewegungsabläufen mit symmetrischen Bewegungen beider Körperseiten wie Hampelmannhüpfen, Brustschwimmen oder Rudern
in rhythmischen Bewegungsabläufen mit gegenläufigen oder alternierenden Bewegungen beider Körperseiten wie Krabbeln, beidhändiges Trommeln, Kraulen,
in Bewusstsein und Einbeziehung des kontralateralen, also gegenüberliegenden Raumes, indem die Körpermittellinie überkreuzt wird. Auf dem Papier zeigt sich diese Fähigkeit darin, dass das Kind ohne Zögern Linien kreuzen und Diagonalen zeichnen kann. Mit 4 bis 41/2 Jahren sollten Kinder ein Kreuz abzeichnen können und mit 5 Jahren ein X und ein Dreieck (Schneck & Amundson / Case-Smith):
Babies trainieren ihre bilaterale Integration, wenn sie viel rollen und krabbeln, später über Leitern oder die Rutsche hochklettern. Tanzen, Rhythmik, Schwimmen kommen dann dazu. Fahrradfahren erfordert eine komplexe Koordination von Balance, Treten und Lenken. Wie man sieht, ist natürliche bilaterale Koordination (im Gegensatz zu künstlichen Übungen) meist mit Bewegung im Raum verbunden, mit vestibulärer Aktivität. Und wie Dr Ayres faktorenanlytische Studien und später Zoe Mailloux (2011) Replikation davon gezeigt haben, hängt bilaterale Integration tatsächlich mit der vestibulären Verarbeitung zusammen.
Ist Klettern an der Kletterwand eine bilaterale Aktivität?
Ja, wenn wir so flott wie ein Eichhörnchen klettern, dann erfüllt unser Bewegungsanlauf die oben genannten Kriterien: synchrone alternierende Bewegungen. Klettern ist ja sehr beliebt und wird in Therapeutenkreisen gern als Beispiel für eine Aktivität herangezogen, die viel bilaterale Integration beinhaltet. Das stimmt aber nur eingeschränkt, denn beim Klettern an der Kletterwand (Boulderwand) arbeiten die Hände meist einzeln nacheinander und abgehackt, weil man oft erst den nächsten Griff suchen muss. Die Bewegung erfolgt nicht in einem kontinuierlichen, fließenden Muster. Erst wenn wir uns rhythmisch und schnell wie ein Eichhörnchen oder eine Katze bewegen, entsteht echte bilaterale Aktivität.
Vorteile einer klaren Handdominanz
Warum interessiert und die Händigkeit überhaupt? Eine klare Handdominanz bringt mehrere Vorteile mit sich:
Übungseffekt: eine bestimmte Funktion wird 100% mit der dominanten Hand ausgeführt und damit beübt. Sie erreicht dadurch mehr Präzision und Geschicklichkeit.
Körperwahrnehmung: Durch den höheren Muskeltonus der dominanten Seite gelingt es leichter, rechts und links sicher zu unterscheiden – ohne Eselsbrücken.
Effizienz im Alltag: Ob Schreiben, Schneiden oder Musikinstrument spielen – Spezialisierung sorgt für flüssigere und stabilere Bewegungsabläufe.
Welche Nachteile hat fehlende Spezialisierung?
Beidhänder sind meistens nicht mit beiden Händen geschickt, sondern ungeschickt. Gemischte Händigkeit ist also kein Vorteil. Fehlt eine klare Händigkeit, können Kinder verschiedene Schwierigkeiten entwickeln:
geringere motorische Präzision und langsamere Automatisierung,
Probleme beim Überkreuzen der Körpermitte,
Verzögerungen in der Feinmotorik,
ein erhöhtes Risiko für Lernschwierigkeiten wie Lesen, Schreiben oder Rechnen,
mögliche Zusammenhänge mit Aufmerksamkeits- oder Emotionsregulation.
Auch die Sprache profitiert von klarer Spezialisierung: in der Regel ist sie in einer Hemisphäre lateralisiert. Fehlt diese Organisation, arbeitet das Gehirn weniger effizient.
Praxis-Impuls bei unklarer Händigkeit

Um die bilaterale Integration und damit die Grundlagen für die Ausbildung der Handdominanz zu unterstützen, eignen sich Aktivitäten, die symmetrische und gegenläufige Bewegungen der Arme oder des ganzen Körpers bieten wie Schwung holen auf der Schaukel Beidhandmalen oder Schwimmen.
Der zweite Schritt wäre, von einer Ergotherapeut:in mit entsprechender Weiterbildung eine Austestung der Händigkeit durchführen zu lassen. Das ist zwischen dem vierten und fünften Geburtstag sinnvoll, damit das Kind keine fein- und graphomotorischen Rückstände entwickelt, die es dann mühsam aufholen muss.
Literatur
Ayres, A. J. (1972/2005). Sensory Integration and Learning Disorders. Los Angeles: Western Psychological Services.
Corballis, M. C. (2024). The difference between mixed handedness and ambidexterity. Psychology Today. Abgerufen von https://www.psychologytoday.com/us/blog/the-asymmetric-brain/202312/the-difference-between-mixed-handedness-and-ambidexterity
Hardie, S. M., & Wright, L. (2014). Handedness and the cerebral lateralization of language: A critical review. Brain and Language, 127(3), 191–200.
Healthline (2021). Ambidextrous: What does it mean?. Abgerufen von https://www.healthline.com/health/ambidextrous
HowStuffWorks (2023). Ambidextrous: What does it mean to be ambidextrous?. Abgerufen von https://science.howstuffworks.com/life/inside-the-mind/human-brain/ambidextrous.htm
Papadatou-Pastou, M., et al. (2020). Human handedness: A meta-analysis. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 111, 51–80. https://doi.org/10.1016/j.neubiorev.2020.01.006
Schaaf, R. C., & Mailloux, Z. (2015). Clinician’s guide for implementing Ayres Sensory Integration®. Bethesda, MD: AOTA Press.
Wikipedia (2025). Ambidexterity. Abgerufen von https://en.wikipedia.org/wiki/Ambidexterity



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